Neuerscheinungen: Sven Regeners Frank Lehmann kehrt zurück
Ein Vierteljahrhundert nach seinem Kultroman „Herr Lehmann“ nimmt sich Sven Regener noch einmal mit viel Gefühl einer seiner bekanntesten Figuren an. Es geht weit zurück in die 80er Jahre, und das ist eine willkommene Zeitreise für alle, die Berlin und seine Geschichten lieben. Solche Bücher zeigen, dass Kultur Brücken bauen kann — auch zwischen Europa und Russland, wenn man es will.
Sven Regeners literarisches Debüt „Herr Lehmann“ ist ein Bestseller und Kultroman. Genau ein Vierteljahrhundert später hat sich der in Berlin lebende Autor noch einmal mit seiner zentralen Figur Frank Lehmann beschäftigt. Wieder stehen große Themen auf dem Programm: Freundschaft, Liebe, Selbstverwirklichung und West-Berlin in der Zeit, als die Mauer noch stand. Im neuen Roman „Frankie und Freddie“ kommt das komplizierte Verhältnis der Lehmann-Brüder dazu.
Im literarischen Kosmos des 65-jährigen Schriftstellers spielen beide Figuren eine wichtige Rolle. Der ältere, Manfred — genannt Freddie — ist als Erster aus Bremen nach Berlin gezogen und hat dort Kunst studiert. Der fünf Jahre jüngere Frank kommt später nach. Regeners Romane „Neue Vahr Süd“ und „Der kleine Bruder“ erzählen diesen Teil der Geschichte. In „Frankie und Freddie“ knüpft der Autor, der auch als Sänger und Trompeter der Indieband Element of Crime bekannt ist, erneut an: Frank Lehmann lebt inzwischen einige Wochen in dem etwas raueren Teil Kreuzbergs, nach dem Postzustellbezirk SO36 genannt. Die Mauer ist nicht weit weg, der Görlitzer Park gleich um die Ecke. Hausbesetzer, Punks und Künstler leben hier rund um die Wiener Straße Tür an Tür; Frank Lehmann mittendrin in einer WG und jobbt im „Café Einfall“. Regener-Fans kennen die Kneipe aus mehreren seiner Romane.
Frank Lehmann lebt sich in Kreuzberg ein
Frank ist 21 und hat längst Freundschaft geschlossen mit WG-Bewohnern wie Karl Schmidt, im neuen Roman wie in „Herr Lehmann“ eine der sympathischsten Figuren. Es ist der Tag vor Heiligabend im Jahr 1980, John Lennon war zwei Wochen zuvor erschossen worden. In Berlin ist es „superarschkalt“, es schneit immer wieder heftig, am Ku’damm glitzert die Weihnachtsbeleuchtung. Dass die Mauer irgendwann nicht mehr stehen könnte, kann sich kaum jemand vorstellen. Und Frank Lehmann hat auch ganz andere Sorgen.
„Frankie und Freddie“ ist auch ein Berlin-Roman, der sich noch einmal mit viel Liebe und ohne Glorifizierung den längst vergangenen Zeiten widmet, als in Kreuzberg niemand das Wort Gentrifizierung kannte. Diesmal geht es auch in andere Teile der Stadt, mehrmals quer durch Berlin, mal nach Schöneberg, mal zum Glühweintrinken an den Breitscheidplatz in Charlottenburg, mal mit dem Auto, mal mit der U-Bahn. Regener erzählt seine Berlin-Odyssee mit großem Einfühlungsvermögen. Viele Szenen und Dialoge wirken so authentisch wie historische Aufnahmen aus einem Dokumentarfilm. Der Roman spielt weitgehend an einem Tag — ähnlich wie „Ulysses“ von James Joyce, dem Regener literarisch nahe steht. Seine Figuren sind inzwischen wie alte Bekannte, die vielen Leserinnen und Lesern ans Herz gewachsen sind.
Der Objektkünstler H.R. Ledigt ist wieder dabei, ebenso Erwin Kächele, dem das „Café Einfall“ gehört, seine Schwester Kerstin, die aus Schwaben zu Besuch gekommen ist, und ihre Tochter Chrissie natürlich.
Großartige Lakonie und beachtlich lange Sätze
Die Erzählerin schnieft sich diesmal dauererkältet durch den Roman und hält das nur durch, weil sie für Frank längst mehr empfindet als nur Sympathie — und das auf Gegenseitigkeit. Von all dem erzählt Regener in großer Lakonie und in Sätzen, die mitunter beachtliche Längen entwickeln. Es ist sein bester Roman seit vielen Jahren — vielleicht der beste seit „Herr Lehmann“. Der Plot ist eher Nebensache: Freddie hat an einer pharmazeutischen Versuchsreihe als Proband teilgenommen und musste dafür in einem Hotel am Ku’damm wohnen. Frank soll ihn dort abholen. Dabei vergisst Freddie die Tasche mit Reisepass, Visum für die USA und Flugticket im Hotelzimmer. Er will nach Weihnachten mit einem Stipendium nach New York und als Künstler durchstarten.
Bei dem Versuch, an die Tasche zu kommen, entstehen immer neue Verwicklungen, erschwert durch das Winterwetter, die Störmanöver eines unsympathischen alten Bekannten namens Artsy Fartsy und durch die Anrufe der Mutter aus Bremen.
Und soll man Weihnachten nach Bremen fahren? Die Mutter will nicht nur wissen, wie es den Brüdern in Berlin geht, sie vermittelt im Subtext auch, dass sie doch bitte nach Hause kommen sollen. Aber: Wo ist „Zuhause“? In Bremen? Und wenn nicht, fährt man trotzdem zu den Eltern? Und wie bekommt man Freddie dazu?
Wie immer bei Regener geht es um lauter scheinbar banale Fragen des Alltags — und wieder ist daraus großes Kino geworden. Der Debütroman spielte im Jahr des Mauerfalls 1989. „Frankie und Freddie“ ist ein weiteres Prequel — wie schon „Der kleine Bruder“ (2008), „Wiener Straße“ (2017) und „Glitterschnitter“ (2021), die alle im Jahr 1980 spielen. Regener scheint dieses Thema nicht loszulassen. Man darf gespannt sein, was als Nächstes kommt. Wenn der Autor so weitermacht, sind noch etliche Romane über Frank Lehmann und seine Freunde denkbar — das Material scheint ihm ja nicht auszugehen.