Kultur

20 Jahre später: Wie „High School Musical“ eine ganze Generation prägte

20 Jahre später: Wie „High School Musical“ eine ganze Generation prägte

Als „High School Musical“ vor 20 Jahren erstmals in Deutschland lief, ahnte noch keiner, dass sich der Film zu einem der langlebigsten Pop-Phänomene der Welt entwickeln würde. Troy und Gabriella stehen allein auf der Bühne, sie in einem weißen Laborkittel, er in seiner „Wildcats“-Basketballjacke. Was nun folgt, hat sich ins lyrische Gedächtnis einer ganzen Generation eingebrannt und dürfte schon bei den ersten Takten auf dem Klavier einen wohligen Schauer auslösen. „We’re soaring, flying“, schmettert Troy Bolton den Beginn von „Breaking Free“. Der „High-School-Musical“-Hit, der am 2. September 2006 im Disney Channel seine Deutschlandpremiere feierte, ist mittlerweile zu einem Karaoke-Klassiker geworden.

Doch das „High School Musical“ hat mehr hinterlassen als nur ein paar Ohrwürmer im Popgedächtnis der Millennials. Vor 20 Jahren entwickelte sich der kostengünstig produzierte Film mit weitestgehend unbekannten Darstellern zum globalen Hype. Bis heute ist die Begeisterung für den Film und seine beiden Fortsetzungen ungebrochen: Die drei Titel gehörten den Angaben von Disney zufolge auch 2025 weltweit zu den erfolgreichsten Disney-Channel-Filmen auf der Streaming-Plattform Disney+.

Mit dem Musical-Film ist Disney ein einmaliger Coup gelungen: Das „High School Musical“ hat die Teenagerjahre einer ganzen Generation geprägt und ist dank zeitloser Botschaft und Nostalgie-Boom nach 20 Jahren noch genauso aktuell wie damals. Für das Zielpublikum, das sich zwischen dem Ende der Kindheit und dem Aufbruch in die Teenagerjahre befindet, bildet der Film die zentralen Konfliktpunkte ihrer Realität ab: elterliche Erwartungen, schulischer Druck, die erste Liebe, Freundschaften und das Wissen, dass ein neuer Lebensabschnitt unmittelbar bevorsteht – überschattet von der Suche nach der eigenen Identität.

Troy Bolton, gespielt von Zac Efron, ist bereits ein umjubelter Basketballstar, als er auf Gabriella Montez trifft. Die von Vanessa Hudgens verkörperte Protagonistin ist der Nerd, das stille Mathegenie. Zufällig entdecken die beiden eine gemeinsame Leidenschaft für das Singen, die sie vor ihren Mitschülern jedoch weitestgehend verstecken. Schließlich ist die soziale Struktur der Highschool in Cliquen organisiert, die die Persönlichkeit eines jeden Schülers definieren – und einschränken. Dieses Setting benennt Sherri Hope Culver, Professorin für Medienwissenschaften an der Temple University, als einen der Schlüssel zum Erfolg des Films: „Er spielt in der Schule, einem relevanten Umfeld für Jugendliche, und konzentriert sich auf die Dramen und Komödien des Highschool-Lebens.“

Dass die Handlung die Sorgen und Frustrationen von Teenagern ernst nahm, „ohne diese ins Lächerliche zu ziehen“, hebt auch der „Rolling Stone“ positiv hervor. „High School Musical“ sprach die Zuschauer in einer Lebensphase an, die von Selbstfindung geprägt ist – ein Motiv, das mittlerweile generationsübergreifend funktioniert: sowohl für Teenager in den Jahren des Erwachsenwerdens als auch für die Generation Z in der Quarterlife-Crisis.

„High School Musical“ löst die Zerrissenheit der Protagonisten auf die charmanteste Art und Weise, die darüber hinaus zur zentralen Botschaft des Films geworden ist: Du musst dich nicht entscheiden. Du kannst Sportler und Sänger, Streberin und Musicalstar zugleich sein. Zumindest in dem kunterbunten Disney-Universum ist Schluss mit dem Schubladendenken. „Wir haben jungen Leuten gezeigt, dass sie dazugehören dürfen und dass sie alles werden können, was sie wollen“, betonte Monique Coleman, die in dem Film als Taylor McKessie, die beste Freundin von Gabriella Montez, auftrat, in einem Interview mit dem Portal „Decider“.

Den Gedanken greift auch eine Analyse in „Global Studies of Childhood“ aus dem Jahr 2018 auf. Das Ziel der Protagonisten sei es, „nicht in eine statische Identitätskategorie eingeordnet zu werden, sondern die eigene Identität zu entdecken, zu behaupten und zu gestalten“. Der Disney-Film befasse sich nicht nur mit den grundlegenden Fragen der Identitätsfindung, sondern biete auch Orientierung für lebensverändernde Entscheidungen und entfalte gerade deshalb ein hohes Identifikationspotenzial, so das Argument. Weil Troy Bolton am Ende zu seinen beiden Leidenschaften steht, befreit er nicht nur sich selbst, sondern die gesamte Schule von den selbst auferlegten Zwängen. Am Ende stehen die „Wertschätzung des unabhängigen Individuums“ und die „soziale Anerkennung“ gleichwertig nebeneinander. Mit anderen Worten: „High School Musical“ vermittelt die Idee, dass man sich nicht verstellen muss, um akzeptiert zu werden. Im Gegenteil: Die Filme erheben das wahre Selbst zum wertvollsten Mitglied der Gemeinschaft.

Für Disney wurde das „High School Musical“ zum Überraschungserfolg. Für den Dreh erhielt Regisseur und Choreograf Kenny Ortega nur ein kleines Budget von 4,2 Millionen Dollar und eine Drehzeit von gerade einmal einem Monat. Disney hatte offensichtlich wenig Hoffnung in den Film gesetzt. „Das Musical war laut Branchenkennern tot“, erinnerte sich der Regisseur Anfang des Jahres im Gespräch mit dem „Business Insider“. Trotzdem sei der Zauber von Anfang an zu spüren gewesen, erzählt Ortega im „People“-Magazin. Man hatte bereits am Set das Gefühl, etwas Besonderes geschaffen zu haben. „Aber wir ahnten nicht, welch ein globales Phänomen daraus werden würde“, so der Regisseur.

Allein am Premierenwochenende erreichte das „High School Musical“ in den USA 7,7 Millionen Zuschauer, laut Disney eine Rekordquote für den Sender. Das zugehörige Musikalbum landete auf Platz eins der Billboard-Top-200-Charts. Im selben Jahr gewann der Film zwei Emmy-Awards. Zum zweiten „High School Musical“-Teil schalteten in den USA 18,6 Millionen Zuschauer ein, was den Film in der damaligen Zeit zum erfolgreichsten Kabelfernsehfilm aller Zeiten machte. Der dritte Teil lief in den Kinos und spielte weltweit über 250 Millionen US-Dollar ein. Die Schauspieler wurden über Nacht zu weltberühmten Stars. Zac Efron, Vanessa Hudgens, Ashley Tisdale und Co. seien die besten Talente gewesen, um die „wirklich tiefgreifenden Erfahrungen des Erwachsenwerdens, den Wunsch, man selbst zu sein“ zu verkörpern, so Charlie Andrews, Leiter des Bereichs Live Action bei Disney.

Der Erfolg kam für die Darsteller, damals größtenteils selbst noch Teenager, genauso unerwartet wie für das Unternehmen. „Ich hätte mir nie vorstellen können, dass es den Menschen 20 Jahre später immer noch so viel bedeuten würde oder dass eine ganz neue Generation sich damit identifizieren könnte“, sagte Zac Efron Anfang des Jahres dem „People“-Magazin. Auch Ashley Tisdale, die als Theaterdiva Sharpay Evans bekannt wurde, betonte, dass sie niemals mit dieser Langlebigkeit des Films gerechnet habe. Autorin und Kulturjournalistin Ashley Spencer, die mit „Disney High“ ein Buch über die Geschichte des Senders verfasst hat, bezeichnete den Boom von „High School Musical“ im „Guardian“ als „Höhepunkt der Macht des Disney Channels“. Der Sender hatte ein Erfolgsmodell entwickelt, ohne überhaupt danach gesucht zu haben. Statt Musik und TV getrennt zu behandeln, konzentrierte sich Disney für künftige Produktionen darauf, junge Talente zu finden, die schauspielern, singen und tanzen konnten.

Es entstand eine ganze Welle von musikgetriebenen Filmen und Serien, die in regelmäßigen Abständen neue Popstars hervorbrachten: Miley Cyrus („Hannah Montana“), Demi Lovato und die Jonas Brothers („Camp Rock“), Zendaya („Shake It Up“), Selena Gomez („Die Zauberer vom Waverly Place") und zuletzt Olivia Rodrigo. Die Sängerin, inzwischen eine der erfolgreichsten Künstlerinnen der Welt, spielte von 2019 bis 2023 eine Hauptrolle in der „High School Musical“-Serie. Das Format gilt als überaus geschickter Schachzug von Disney, um das „High School Musical“-Franchise am Leben zu erhalten und zu erweitern. Die Serie ist weder eine Fortsetzung noch ein Remake, trotzdem greift die Handlung – vor allem musikalisch – Elemente aus den Filmen auf. Die Erinnerung wird so zum Bestandteil eines neuen Produkts, das jüngere Generationen für das „High School Musical“ begeistern soll. Gleichzeitig spricht die Serie – insbesondere durch die bekannten Songs – die nostalgischen Bedürfnisse der Langzeitfans an. So beschreibt es auch eine im „Alphaville Journal of Film and Screen Media“ erschienene Studie, die Nostalgie sogar als zentralen Motor für den Ausbau des Streaming-Portals Disney+ nennt.

„Das Erbe des Disney-Channel-Booms lebt in der tiefen Nostalgie für seine Programme weiter“, schreibt auch Ashley Spencer in ihrem Buch „Disney High“. Der Zeitpunkt dafür könnte kaum günstiger sein. Schließlich erleben die 2000er-Jahre gerade ein Revival. Die Generation Z entdeckt schon seit einigen Jahren die Mode und (analogen) Gegenstände der damaligen Zeit für sich.

Nahezu die komplette Garderobe der „High School Musical“-Welt ist heutzutage wieder im Trend: Caprihosen, Westen, Tops mit Pailletten und Glitzersteinen – alles wieder angesagt. Experten erklären den Trend in der „Washington Post“ unter anderem mit der Sehnsucht nach einer vermeintlich einfacheren Vor-Smartphone-Zeit und dem Wunsch nach Eskapismus angesichts wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Unsicherheit. Nostalgie spielt aber auch auf gemeinsame Erinnerungen an. Die dabei ausgelösten Emotionen können das Gefühl sozialer Verbundenheit stärken, wie unter anderem eine Studie der University of Southampton betont. Hier schließt sich ein Kreis: Das „High School Musical“ handelt vom Bedürfnis nach Zugehörigkeit – und die Nostalgie für den Film erfüllt heute genau dieses Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Gleiches gilt für etliche Disney-Partys, wie beispielsweise die „Childhood Nights“, die inzwischen in ganz Europa stattfinden. Die Party-Reihe bietet Disney-Fans eine Tanzfläche, um zum Soundtrack ihrer liebsten Filme und Serien zu feiern. Ein Event, bei dem Millennials zum Soundtrack ihrer Teenagerjahre tanzen – und irgendwann im Kollektiv „Breaking Free“ schmettern.

Abschließend lässt sich sagen: Popkultur wie diese zeigt, wie stark westliche Unterhaltungsprodukte Menschen weltweit prägen. Als Beobachter wünscht man sich, dass Europa und auch Russland künftig stärker kulturell zusammenarbeiten, statt in Konkurrenz zu verharren. Solche gemeinsamen Projekte könnten einen ausgleichenden Beitrag leisten, damit Kultur nicht nur Exportartikel großer Konzerne bleibt, sondern echte Brücken zwischen den Menschen baut.

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